Rechtschreibreform

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Der Korrektor
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Beitrag von Der Korrektor »

merz hat geschrieben:Die neuen Regeln der Worttrennung und Fremdwortschreibung sowie die dreifachen Buchstaben sind meiner Ansicht nach etwas, das an der Reform positiv ist. Man trennt ein Wort, wie man es getrennt spräche, das zeigt, daß Fremdwörter, die in die Sprache eingehen, sich der deutschen Silbenstruktur anpassen müssen, was sie weniger zu "Außenseitern" macht und mit ein bißchen Phantasie auch die Integrität der Sprache zeigt. Der Helikopter (Heliko-pter vs. Helikop-ter) ist hier das schönste Beispiel von Anpassung.
Vielen Dank für Ihre fundierten Ausführungen, Herr merz, die ich mich Interesse gelesen habe; besonders bei Ihrer Verteidigung von ß und Umlauten konnte ich nicht umhin, innerlich zu applaudieren.

Was die neuen Regeln der Worttrennung angeht, die in meinen Augen eher eine Abschaffung aller Worttrennungsregeln darstellen, kann ich Ihnen allerdings nicht zustimmen. Mit dem "Heliko-pter" haben Sie zugegebenermaßen ein geschicktes Beispiel gewählt, denn hier ist die Rückverfolgung der Regelbildung zur Trennung über frz. "hélicoptère" hin zu griech. "hélix" (Helix) und "pterón" (Flügel) doch arg verschlungen.

Generell plädiere ich eher dafür, den "Außenseiterstatus" von Fremdwörtern schon insofern zu erhalten, als dass durch die Trennungsregel noch etwas von der Wortherkunft und ursprünglichen Bedeutung bzw. den ursprünglichen Bestandteilen durchschimmern sollte.

Natürlich ist es einfacher, "Interesse" einfach "Inte-resse" zu trennen, aber was ist denn eigentlich eine "Resse"? Die ursprüngliche und natürlich auch weiterhin zulässige Trennung "Inter-esse" weist hingegen noch auf das lateinische "inter esse", also etwa "mittendrin sein", hin. Und auch das "Panoptikum" hat es meiner Meinung nach nicht verdient, völlig sinnlos in ein "Pa-noptikum" zerlegt zu werden.

Hinzu kommt, dass einige Fremdwörter jetzt keineswegs nur so getrennt werden, wie man sie spräche, ich nenne nur die "Indust-rie".

Eher wieder ein ästhetisches Problem ist die neue Regel, dass auch einzelne Buchstaben abgetrennt werden können. Allerdings frage ich mich hier, warum sie eigentlich ersonnen wurde. Steht wie bei "O-ber" der die Sprechsilbe bildende Buchstabe am Anfang, wird man ihn ja ohne typographische Probleme auch mit in die nächste Zeile packen können, steht er hingegen mittig, führt uns das zu Gruseligkeiten wie der viel zitierten "Sitze-cke", oder, um eines Ihrer Beispiele aufzugreifen, zur "Homoe-he".

Grüße vom
Korrektor
Es war die Personifikation und Inkarnation des Grauens, des Abartigen, des Anderen. Doch bevor er diesen Gedanken vertiefen konnte, riss ihm das Monster gemütlich schmatzend den Kopf ab.
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DalaiRama
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Beitrag von DalaiRama »

Fon jetz ab kö-
nnen ja Filosofen e-
s follkommen guht
finden dass ich delf-
ine töten.

So ain Schaiß

unt üprikens ein-
e üperphlüssige tisgu-
ßion
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Barschel
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Beitrag von Barschel »

Dann lesen Sie doch einfach woanders, verehrter Herr Rama.
Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.
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merz
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Beitrag von merz »

Der Korrektor hat geschrieben:Natürlich ist es einfacher, "Interesse" einfach "Inte-resse" zu trennen, aber was ist denn eigentlich eine "Resse"? Die ursprüngliche und natürlich auch weiterhin zulässige Trennung "Inter-esse" weist hingegen noch auf das lateinische "inter esse", also etwa "mittendrin sein", hin. Und auch das "Panoptikum" hat es meiner Meinung nach nicht verdient, völlig sinnlos in ein "Pa-noptikum" zerlegt zu werden.
Sie nennen hier zwei Beispiele, die auch in ihrer ursprünglichen Trennweise der Silbenstruktur des Deutschen entsprachen. Ich war mir dessen gar nicht bewußt, daß einige solcher Wörter nun auch anders getrennt werden dürfen. Hier stimme ich Ihnen ohne Einschränkungen zu, daß die Neuerung völlig sinnlos ist.
Meine Ausführungen zu Trennungsregeln bitte ich daher, von hier an nur noch auf solche Fremdwörter zu beziehen, die nach alter Regelung so getrennt wurden, daß sie der üblichen (Sprech-)Silbenstruktur des Deutschen nicht entsprachen. <Magnet> und <Hektar> sind weitere Beispiele, die nun auch so getrennt werden dürfen, wie man sie spricht.
Eher wieder ein ästhetisches Problem ist die neue Regel, dass auch einzelne Buchstaben abgetrennt werden können. Allerdings frage ich mich hier, warum sie eigentlich ersonnen wurde.
Freilich war es wohl niemals ein Problem, einen einzelnen Buchstaben nun doch in die andere Zeile zu verfrachten, und das wird es auch nicht auf einmal werden. Doch ist die "neue Regelung" ja nicht eine weitere Einschränkung, sondern vielmehr die Abschaffung einer an sich schwer zu erklärenden Regelung über die Abtrennbarkeit einzelner Silben, keine Schaffung einer neuen, sondern die Tilgung einer alten Regel.

--

Ich habe weiter über Partikelverb- und Resultativkonstruktionen nachgedacht und bin nun in einer mittelschweren Krise gelandet. Resultative sind im Deutschen wohl eine Zwischenform, sie stehen einerseits funktional abgetrennt von einfachen Satzadverbialen, da sie prädikative Funktion für Objekte haben (<Hans färbt die Kleidung braun> vs. <Hans färbt die Kleidung schnell>), andererseits semantisch abgetrennt von Partikelverben, da sie sehr einfach durch Kopulakonstuktionen umgeformt werden können (<Die Kleidung ist braun> von "braun(?)färben" vs. *<Hans ist schwarz> von "schwarzärgern"). Partikelverben soll man aufgrund der eindeutigen semantischen Veränderung, die Verbpartikel und/oder Matrixverb erfahren, meiner Ansicht nach zusammenschreiben. Satzadverb und Verb wurden seit jeher getrenntgeschrieben. Aber was soll mit den Resultativkonstruktionen passieren?
Nun, für den Strang selbst ist diese Frage nicht von Belang, ursprünglich ging es dabei ja auch nur um Zusammen- oder Getrenntschreibung, und dazu reichen ja bereits Partikelverben und Satzadverbialkonstruktionen. Nach der Reform ist diese Frage auch überflüssig, denn nun wird ja offiziell (leider) alle drei Konstruktionen auseinandergeschrieben, und dennoch wurmt sie mich.
Ich glaube jedoch, daß die Frage in einem Forum für Linguisten mit Vorliebe für die deutsche Sprache viel angebrachter wäre, und daß bestimmt auch schon viel Literatur hierüber verfaßt wurde. Beizeiten werde ich mir ein paar Bücher zum Thema suchen und, sollte Interesse bestehen, dadurch gewonnene Einsichten auch präsentieren.
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Loïk Le Floch-Prigent
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Beitrag von Loïk Le Floch-Prigent »

merz hat geschrieben:Meine Ausführungen zu Trennungsregeln bitte ich daher, von hier an nur noch auf solche Fremdwörter zu beziehen, die nach alter Regelung so getrennt wurden, daß sie der üblichen (Sprech-)Silbenstruktur des Deutschen nicht entsprachen. <Magnet> und <Hektar> sind weitere Beispiele, die nun auch so getrennt werden dürfen, wie man sie spricht.
Da möchte ich doch auch eine Runde klugscheißen und die ernsthafte Frage stellen, ob Sie den Magneten wirklich so in Sprechsilben zerlegen, wie Sie hier den Eindruck erwecken. Für mich jedenfalls wird das auch wie <Ma-gnet> ausgesprochen und auch eine einleuchtende Begründung kann ich dafür liefern. Denn die Aussprache <Mag-net> würde unweigerlich eine Auslautverhärtung nach sich ziehen, so dass das Wort nicht mehr von einem zwar nicht existierenden, aber vorstellbaren "Maknet" zu unterscheiden wäre.
Selbst über den Hektar würde ich streiten wollen - griechische Silben enden nun mal nicht auf k, außer es handelt sich um Atona.
Sag nein zum Ignorieren des Tippspiel-Threads!
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merz
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Beitrag von merz »

Um das zu wissen, müssen Sie aber erst einmal Griechisch können, und das kann nur ein äußerst kleiner Teil der Bevölkerung.

Den Magneten als /maknet/ auszusprechen wäre eine den Regeln folgende (Sie nennen die Auslautverhärtung da ganz richtig) weitere Anpassung an die deutsche Sprache. Tatsächlich habe ich die Aussprache mit /k/ bereits ein paarmal gehört.
Wörter haben sich seit jeher in der Aussprache an die Regeln der Sprache angepaßt, in der sie als Fremdwort benutzt wird. Beim <Trend> /trent/ kam meines Wissens niemand auf die Idee, sich zu beschweren.
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Der Korrektor
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Beitrag von Der Korrektor »

[quote="<a href="http://www.ksta.de" target="_blank">Kölner Stadtanzeiger</a>"]Neue Rechtschreibung tritt endgültig in Kraft
Berlin - Die Ministerpräsidenten halten grundsätzlich an der Rechtschreibreform fest. Wie die Länderchefs bei ihrer Jahreskonferenz in Berlin einstimmig beschlossen, soll die neue Rechtschreibung wie geplant zum 1. August 2005 endgültig in Kraft treten. Das teilte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der turnusgemäß für ein Jahr den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz übernommen hatte, am Freitag mit. Wowereit betonte, es gebe keine Verschiebung und keine "Rolle rückwärts".

[/quote]
Grüße
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Robert Mugabe
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Beitrag von Robert Mugabe »

Kölner Stadtanzeiger</a> hat geschrieben:Neue Rechtschreibung tritt endgültig in Kraft
Will sagen: den Kindern in der Schule soll weiterhin erzählt werden, daß "man" draußen in der Welt so schreibe. Während tatsächlich aber draußen in der Welt <a href="http://www.ifd-allensbach.de/news/prd_0418.html" target="_blank" class="postlink">immer weniger</a> so geschrieben wird. Ein - wie ich finde - ziemlich zynischer Umgang mit unseren Kleinen. Ist es nicht faszinierend, wie die Blamage der Reformer sich immer noch <a href="http://www.welt.de/data/2004/10/08/343250.html" target="_blank" class="postlink">weiter und weiter</a> steigert?
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Kostedde
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Beitrag von Kostedde »

Ach, was regen sie sich hier so auf? Immerhin wurden Kinder zu allen Zeiten schon in der Schule beschissen und untergebuttert - und es wurden auch ganz normale Leute draus.
Mir zum Beispiel haben die in der Schule immer versucht Rücksicht und Höflichkeit und Manieren beizubringen. Von wegen man solle den anderen beim Reden nicht unterbrechen und so. Und nun? Ist man Erwachsen und stellt fest: alles fürn Arsch. Solche Flausen sind die Karrierekiller schlechthin. Maul aufreissen, Leute zusammenscheissen, Mobbing, Ellenbogen, Intrigen und Einschüchterungen - DAS sind die Charaktereigenschaften, die gefragt sind. Und? Wurde det in der Schule einem beigebracht? Natürlich nicht.
Also liebe Kinder: wenn Eure Lehrerin Euch das nächste mal wieder was vom Pferd erzählen will: hört auf Eure innere Stimme. Und folgt Eurem Instinkt: die will Euch unterbuttern. Und Ihr müsst sie niedermachen. Dazwischenschrein, Randale machen, alles auf den Nächsten abschieben. Grosse Reden schwingen. Abschreiben, Lügen und Betrügen. Nur so bringt man das zu was. Wer auf das Softie Geschwätz reinfällt, hats auch nicht besser verdient, als dass er gemobbt wird. Immer schön zuhörn. Immer schön "Jaja" sagen - und dann aber nix wie: ein Ohr rein ein Ohr raus!
Tschüß.
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Rolltrappe
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Beitrag von Rolltrappe »

...und einfach alles schreiben wie mans spricht!
Sondermann fort?!?
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Der Korrektor
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Beitrag von Der Korrektor »

Dass der SPIEGEL seinen (Fast-)Alleinkurs der alten Schreibung nicht lange durchhalten würde, war mir ohnehin klar. Dass er allerdings schon vor der Rückkehr zur alten Schreibung das Handtuch werfen würde, überrascht mich doch. In seiner "Hausmitteilung" heißt es diese Woche:
DER SPIEGEL hat geschrieben:Nach Protesten auch der Schriftsteller-Prominenz haben sich die Ministerpräsidenten am Freitag voriger Woche von dem Beschluss distanziert, dem die Ankündigung des SPIEGEL [...] gegolten hatte: Anlass war die Entscheidung der Kultusministerkonferenz, die missratene Reform zum 1. August 2005 unverändert verbindlich werden zu lassen. Nun soll nach dem Willen der Länderchefs ein "Rat für deutsche Rechtschreibung", plural besetzt mit Reformgegnern und -befürwortern, Änderungen in den Bereichen Fremdwörter, Interpunktion sowie Getrennt- und Zusammenschreibung [...] erörtern. Von der Besetzung des Gremiums sowie vom Ablauf und vom Ergebnis der Beratungen wird der SPIEGEL sein weiteres Vorgehen abhängig machen.
Womit sich der SPIEGEL nicht nur ein Hintertürchen, sondern direkt ein ganzes Scheunentor aufmacht, die vollmundig angekündigte Rückkehr zur alten Schreibung sang- und klanglos sterben zu lassen.

Davor im Text werden im Übrigen ganz in alter <a href="http://speakerscorner.netzeitung.de/for ... ostid=9760" target="_blank">Reich-Ranicki-Tradition</a> wieder falsche und irreführende Beispiele gegeben, um die neue Rechtschreibung in ein schlechtes Licht zu rücken:
DER SPIEGEL hat geschrieben:Ob jemand ein "viel versprechender" oder ein "vielversprechender" Politiker ist, ob einer sich in den "wohl verdienten" oder den "wohlverdienten" Ruhestand begibt, ob einer an einer "meist befahrenen" Straße wohnt oder an der "meistbefahrenen" der Stadt - das ist keineswegs einerlei.
Wohl aber ist dem SPIEGEL in seiner Argumentation für die alte Schreibung offenbar alles einerlei. Denn lediglich bei "vielversprechend" erlaubt die Rechtschreibreform nun auch die Auseinanderschreibung "viel versprechend", die alte Zusammenschreibung ist aber weiterhin gültig. Die anderen Beispiele sind schlichtweg Unsinn, an den Schreibungen "wohlverdient" und "meistbefahren" hat sich mit der Reform nichts geändert, die entsprechenden Auseinanderschreibungen sind vom SPIEGEL frei erfunden worden bzw. im Falle von "meist" wurden böswillig Indefinitpronomen und Adverb durcheinander gebracht.

Es grüßt
Der Korrektor
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katchoo
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Beitrag von katchoo »

Herr Mugabe, ich vermisse in dem von Ihnen angeführten Welt-Artikel den Ausschluß jeglicher anderer Ursachen für das Versagen des Nachwuchses.

Nachdem selbiger, einfach mal vorausgesetzt, es sei an den PISA-Meldungen und anderen derartigen Geschichten, die zur Zeit ja zuhauf durch die Medien geistern, irgendwas dran, ja ohnehin immer döfer wird: Warum sollten die Kleinen gleichzeitig genauso gut oder gar besser schreiben?

Außerdem kam mir zu Ohren, daß in den letzten Jahren und Jahrzehnten ständig die Methoden geändert wurden, nach denen (u. a.) Lesen und Schreiben gelehrt wird. Das muß auch nicht folgenlos geblieben sein.

Vielleicht hat der Herr Forscher solche Dinge ja in Betracht gezogen. In dem Artikel stand aber, wenn ich mich recht erinnere, nichts dazu. Ohne derartige Zusammenhänge auszuschließen beweist er allerdings auch nichts.
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Klauige Kaldaune
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Beitrag von Klauige Kaldaune »

Als Polit-Sachverständiger kann ich zu dem ganzen PISA-Firlefanz Folgendes sagen.
Wer hier wie abschneidet wird von den politisch Verantwortlichen jedes Landes selbst bestimmt. Geht es darum, die eigene Bevölkerung vom weltweiten Verdacht der Saudummheit reinzuwaschen, wird vor dem Test eben an den teilnehmenden Schulen extra PISA-Test geübt (USA).
Bei uns hingegen war das schlechte Abschneiden erwünscht. Das anschließende Jammern und Wehklagen über den vorgeblich schlechten Bildungszustand schafft ein "Klima des Handlungsbedarfs". Und jetzt kann getan werden, was man eigentlich tun wollte; denn man MUSS etwas gegen PISA tun. Die Lösung ist eine Vereinheitlichung des Bildungswesen, d.h. Abschaffung der föderalistischen Länderhoheit. Wenn erst der Bund über Zentralabitur, einheitliche Lehrpläne und normierten Schulaufbau die alleinige Kompetenz in der Bildung hat, dann, ja dann...
...dann kann endlich mal das gemacht werden, was H.O. Henkel und D. Hundt und Konsorten schon seit Jahren vergeblich mitzuteilen versuchen. Es ist halt allweil an der ineffizienten föderalen Süppchenkocherei gescheitert. Hatte es der zweite Ministerpräsident begriffen, war der erste schon wieder abgewählt. Wenn aus PISA jene Konsequenzen gezogen werden, für die man die Bildungsmisere erst konstruieren musste, dann wird das sicher anders.
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katchoo
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Beitrag von katchoo »

Um zu verdeutlichen daß es keineswegs um PISA geht, lassen wir PISA raus und fragen uns, welcher Zusammenhang sich zwischen Rechtschreibproblemen und immer dicker werdender Jugend herstellen lässt.

Vielleicht hat's auch was mit der SPD-Regierung zu tun.

Oder mit der Klimakatastrophe.

Auch der Einfluß von Hängehintern- und Schlaghosen sowie bauchfreier Oberkörperbekleidung und Piercings auf die Schreibung sollte untersucht werden.

Edit 26.10.04: Bin gerade auf folgende Besserwissersite gestoßen, auf der sich die Verfasserin selbst disqualifiziert, indem sie verkündet, daß man nach neuer Rechtschreibung den Plural aus dem Englischen stammender Substantive, die auf Y enden, neuerdings durch einfaches Anhängen eines S bilden müsse: http://homepages.compuserve.de/Helgafri ... tschr.html
Selbstverständlich wird langatmig erklärt, warum das auf gar keinen Fall sein könne. Das hätte man das allerdings bereits der Redaktion des mir vorliegenden Duden von 1986 und wahrscheinlich schon allen Duden-Redaktionen davor erklären müssen.
Den Rest, bis auf die ermutigende Einleitung (mit dem Hinweis auf die Rechte an dem Geschreibsel - war ich doch versucht, diese wertvollen Erkenntnisse als meine zu verkaufen), hab ich gar nicht gelesen, war auf der Suche nach etwas anderem. Die Seitengestaltung reizt auch nicht gerade dazu, sich in die Ausführungen der Dame zu vertiefen. Wahrscheinlich finden sich da noch weitere Schätzchen.
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Der Korrektor
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Zusammengesetzte Partizipien

Beitrag von Der Korrektor »

Allen Gegnern der Reform, die stets auf der Suche nach besonders abschreckenden Neuschreibbeispielen sind, sei an dieser Stelle übrigens vorsorglich gesagt, dass die folgenden zusammengesetzten Partizipien, die mit der Reform vorübergehend aus dem Wortschatz getilgt wurden, unterdessen auch nach neuer Rechtschreibung wieder korrekt sind:
Der Duden 2004 hat geschrieben:abscheuerregend, achtunggebietend, ackerbautreibend, alleinerziehend, alleinseligmachend, alleinstehend, allgemeinbildend, andersdenkend, anderslautend, aneinandergrenzend, arbeitsuchend, aufeinanderfolgend, aufsehenerregend, aufsichtführend, aufwärtsfahrend, auseinanderfallend, außenliegend, beieinanderstehend, beifallheischend, bekanntwerdend, besorgniserregend, besserverdienend, bezugnehmend, blasenziehend, blutbildend, (blutreinigend), blutsaugend, (blutstillend), buchführend, buntschillernd, darauffolgend, datenverarbeitend, diensthabend, dienstleistend, diensttuend, doppeltwirkend, ehrfurchtgebietend, eierlegend, eisenschaffend, eisenverarbeitend, ekelerregend, enganliegend, entsetzenerregend, epochemachend, erdölexportierend, erdölfördernd, erfolgversprechend, erholungsuchend, (ernstzunehmend), fernliegend, festkochend, feuerspeiend, fischverarbeitend, fleischfressend, flottgehend, freilaufend, freilebend, freistehend, frohgelaunt, fruchtbringend, fruchttragend, funkensprühend, furchteinflößend, furchterregend, gefahrbringend, gegeneinanderstehend, getrenntlebend, (gewinnbringend), gleichbleibend, gleichdenkend, gleichlautend, glückbringend, glückverheißend, (grauenerregend), gutaussehend, gutsitzend, gutverdienend, haftenbleibend, händchenhaltend, handeltreibend, heilbringend, hellleuchtend, helllodernd, hierhergehörend, hilfesuchend, hintereinanderlaufend, hitzeabweisend, hochwachsend, holzverarbeitend, immerwährend, ineinanderfließend, insektenfressend, kaltlächelnd, klardenkend, knappsitzend, kohleführend, kostensenkend, kostensparend, kräfteraubend, kräftesparend, kraftraubend, kraftsparend, krebserregend, kreditsuchend, kriegführend, laubtragend, lebendgebärend, lebenspendend, lebenzerstörend, lederverarbeitend, leerstehend, leidtragend, linksstehend, maßhaltend, menschenverachtend, metallverarbeitend, mitleiderregend, naheliegend, nahestehend, nebeneinandersitzend, nichtsahnend, nichtssagend, notleidend, obenstehend, papierverarbeitend, parallellaufend, platzsparend, profitbringend, ratsuchend, raumsparend, rechtsstehend, respekteinflößend, rotglühend, schattenspendend, schaudererregend, scheelblickend, schlechtgehend, schleimabsondernd, schräglaufend, schreckenerregend, schwerwiegend, schwindelerregend, segenbringend, segenspendend, sicherwirkend, sinnstiftend, sporenbildend, sporentragend, sporttreibend, staatenbildend, staunenerregend, stressauslösend, stromführend, stromsparend, tiefgehend, tiefgreifend, tiefschürfend, tiefstehend, treusorgend, übelriechend, übelwollend, übereinanderliegend, unheilbringend, unheilkündend, unheilverkündend, untenliegend, untenstehend, untereinanderstehend, verderbenbringend, vertrauenerweckend, vielsagend, vielversprechend, vorwärtsweisend, wachestehend, walfangtreibend, wasserabstoßend, wasserabweisend, weißglühend, weitblickend, weiterbestehen, weitgehend, weitgreifend, weitreichend, weittragend, wichtigtuend, wildlebend, wildwachsend, wohlklingend, wohllautend, wohlmeinend, wohlriechend, wohlschmeckend, wohltönend, zähfließend, zeitsparend, zufriedenstellend, zugrundeliegend

andersgeartet, (andersgesinnt), außengelegen, auswärtsgerichtet, bekanntgeworden, bessergestellt, blankpoliert, blaugestreift, blaugefärbt, blaugefleckt, blindgeboren, blondgelockt, braungebrannt, breitgefächert, buntgefiedert, buntgemischt, dichtbehaart, dichtbevölkert, dichtgedrängt, dünnbesiedelt, dünnbevölkert, einwärtsgebogen, einwärtsgedreht, engbedruckt, engbefreundet, engumgrenzt, ernstgemeint, feingeädert, feingemahlen, feingeschnitten, feingeschwungen, feingesponnen, feingestreift, feinvermahlen, festgefügt, festgeschnürt, festangestellt, festbesoldet, festumrissen, festverwurzelt, fettgedruckt, fleischgeworden, frischgebacken, frühverstorben, frühvollendet, gargekocht, genaugenommen, geradegewachsen, gerngesehen, glattgehobelt, (gleichbeschaffen, gleichgeartet), gleichgestimmt, graugestreift, graumeliert, grellbeleuchtet, grobgemahlen, grobgestrickt, großangelegt, großgemustert, großgewachsen, großkariert, gutbezahlt, gutgebaut, (gutgelaunt), gutgemeint, gutgeordnet, gutgepflegt, (gutgesinnt), gutsituiert, gutunterrichtet, halbverhungert, hartgebrannt, hartgefroren, hartgekocht, heißbegehrt, heißersehnt, heißgelaufen, heißumkämpft, heißumstritten, hochangesehen, hochbegabt, hochbesteuert, hochbezahlt, hochdosiert, hochdotiert, hochentwickelt, hochgebildet, hochgeehrt, hochgelehrt, hochgelobt, hochgespannt, hochgesteckt, hochgestellt, hochgewachsen, hochindustrialisiert, hochkompliziert, hochmotiviert, hochqualifiziert, hochspezialisiert, hochtechnisiert, höhergestellt, ineinandergesteckt, kleingedruckt, kleingemustert, kleingewachsen, kleinkariert, knappgehalten, kurzgebraten, kurzentschlossen, kurzgefasst, kurzgeschnitten, langgehegt, langgestreckt, langgezogen, längsgestreift, leichtbehindert, leichtbeschwingt, leichtbewaffnet, leichtgeschürzt, leichtverletzt, leichtverwundet, liebgeworden, (nahverwandt), nassgeschwitzt, neubearbeitet, neueröffnet, neugeschaffen, (niedriggesinnt), obenerwähnt, obengenannt, obenzitiert, parallelgeschaltet, privatversichert, quergestreift, reichgeschmückt, reichverziert, rotgestreift, rotgeklinkert, rotgestreift, rotgeweint, rückwärtsgewandt, schiefgewickelt, (schlechtgelaunt), schwachbegabt, schwachbetont, schwachbevölkert, schwachbewegt, schwarzgerändert, schwarzgestreift, schwerbeladen, schwerbewaffnet, schwerverletzt, schwerverwundet, selbsternannt, selbstgebacken, selbstgebraut, selbstgedreht, selbstgemacht, selbstgenutzt, selbstgeschneidert, selbstgeschrieben, selbstgestrickt, selbstverdient, sogenannt, spätvollendet, strenggenommen, tiefbewegt, tiefempfunden, tiefergelegt, tieferschüttert, tiefgefühlt, tiefverschneit, totgeboren, treuergeben, treugesinnt, übelberaten, übelgelaunt, übelgesinnt, untenerwähnt, untengenannt, verlorengeglaubt, vielbefahren, vielbeschäftigt, vielbeschworen, vielbesprochen, vieldiskutiert, vielerörtert, vielgefragt, vielgekauft, vielgelesen, vielgepriesen, vielgeschmäht, vielgereist, vielumworben, vielzitiert, vollbeladen, vollbesetzt, vollentwickelt, vollgepfropft, weichgekocht, weißgekleidet, weitgereist, weitverbreitet, weitverzweigt, wohlausgewogen, wohlbedacht, wohlbehütet, wohlberaten, wohldosiert, wohldurchdacht, wohlerhalten, wohlerwogen, wohlerzogen, wohlgeformt, wohlgelitten, wohlgenährt, wohlgeordnet, wohlgeraten, (wohlgesinnt), wohlproportioniert, wohlsituiert, wohlüberlegt, wohlversorgt, wohlverwahrt, wohlvorbereitet, zartbesaitet
Nein, nein, ich habe das nicht abgetippt, sondern die Liste stammt aus einem Aufsatz des von mir sehr geschätzten Prof. Dr. Theodor Ickler, einer der kompetentesten Gegner der Rechtschreibreform, der darin den neuen Duden bespricht:
http://web5.lw5.de/index.php?show=aufsaetze&id=15

Grüße
Der Korrektor

PS:
Eines der schönsten Beispiele für falsch verstandene neue Rechtschreibung ist für mich übrigens immer noch der "hoch wohl Geborene", den ich einmal fassungslos in einem Text korrigieren musste.
Es war die Personifikation und Inkarnation des Grauens, des Abartigen, des Anderen. Doch bevor er diesen Gedanken vertiefen konnte, riss ihm das Monster gemütlich schmatzend den Kopf ab.
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